21 Apr

Ein Beitrag zur Kampagne #GemeinsamUnteilbar

Interview mit Judith Kohlenberger

“Viele geflüchtete Familien wagen sich deshalb gar nicht mehr außer Haus, auch nicht für einen kurzen Spaziergang an der frischen Luft.” Für unsere Kampagne #GemeinsamUnteilbar haben wir Judith Kohlenberger zu Corona Krise, institutionelle Diskriminierung und die ungleichen Auswirkungen der Maßnahmen auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen interviewt. Dabei haben wir auch über die Bedeutung des jetzigen Moments als “Zeitfenster” zur Veränderung gesprochen und wie die Plattform umbruch.at dazu beitragen will.

Soziale Unterschiede bestimmen, wie sich die Maßnahmen auf unsere Familien-, Arbeit-, Ausbildung, und Wohnsituation auswirken. Können Sie uns beschreiben, wie sich die derzeitigen Maßnahmen direkt und indirekt auf die Lebenssituation von asylberechtigten und asylsuchende Menschen in Österreich auswirken?

Geflüchtete Familien und Kinder sind aufgrund der allgemeinen Ausgangsbeschränkungen, Schulschließungen und engen Wohnverhältnisse, aber auch fehlenden sozialen Kontakten in die Mehrheitsgesellschaft, einem besonders hohen Druck ausgesetzt. Dazu kommt die oft noch unverarbeitete Belastung durch die rezente Fluchterfahrung, wodurch es zu Re-Traumatisierungen kommen kann. Viele geflüchtete Familien wagen sich deshalb gar nicht mehr außer Haus, auch nicht für einen kurzen Spaziergang an der frischen Luft. Das verstärkt natürlich die psychosoziale Belastung noch zusätzlich und kann zu einer richtigen Angstspirale führen. Gleichzeitig erreichen uns auch Berichte, wonach Menschen mit nichtweißer Hautfarbe und/oder überdurchschnittlicher Familiengröße vermehrt von der Polizei angehalten und auf die Schutzmaßnahmen hingewiesen, mitunter sogar nach hause geschickt werden oder Strafzahlungen leisten müssen. Für Geflüchtete, die oft negative Erfahrungen mit Polizei und Grenzpersonal machen mussten, kann das einen zusätzlichen Bedrohungsfaktor darstellen, weshalb sie den öffentlichen Raum nach Möglichkeit meiden. 

Im schulischen Bereich beginnt bereits jetzt die Schere zwischen Kindern mit und ohne Fluchthintergrund noch stärker aufzugehen, weil geflüchtete Kinder und Jugendliche oft keine Möglichkeit zum Deutschsprechen und -üben haben. Hier wäre mehr zielgruppengerichtete Unterstützung durch engmaschige Betreuung und Infrastruktur wie gratis Laptops und Internet wünschenswert. Auch Deutschkurse und -prüfungen für Erwachsene sind durch die Ausgangsbeschränkungen stark eingeschränkt, stellen aber oft die einzige Beschäftigungsmöglichkeit sowie Kontaktoption zur Mehrheitsgesellschaft darf. Gerade diese Kurse könnte man auch für die Verbreitung von COVID-19-Informationen nutzen. Da viele Geflüchtete im prekären und/oder niedrigqualifizierten Bereich tätig sind, wird vermutet, dass sie besonders stark von Kurzarbeit bzw. Arbeitslosigkeit betroffen sind – genaue Zahlen fehlen uns da aber noch. Man kann aber davon ausgehen, dass die wenigsten von ihnen bequem im Home Office weiterarbeiten können. 

Was Asylwerbende betrifft, so wird stellenweise von rigiden Ausgangsverboten berichtet, wonach Erwachsene und Kinder ohne nachvollziehbaren Grund die Grundversorgungseinrichtung nicht verlassen dürfen. Einige Quartiere, darunter Traiskirchen, sind aufgrund positiv getesteter Fälle auch komplett unter Quarantäne gestellt, was in Anbetracht der ohnehin beengten Wohnsituation eine massive Belastung bedeutet. Chronisch kranke Menschen in diesen Unterkünften können in der aktuellen Situation nicht behandelt werden, und auch Risikogruppen werden ungeachtet der Gefahren gemeinsam mit anderen Bewohner*innen in Isolation gestellt. Durch gestaffelte Essensausgabe, Desinfektionsmittel und andere Maßnahmen wird versucht, Infektionen einzudämmen. Es ist aber fraglich, wie bei gemeinsam verwendeten Sanitäranlagen und beengtem Wohnraum eine Ausbreitung der Krankheit wirklich verhindert werden kann. Das Schicksal dieser Männer, Frauen und Kinder kommt in der täglichen Corona-Berichterstattung leider kaum vor.

Haben alle in Österreich lebenden Menschen Recht auf eine medizinische Versorgung und Zugang zum Gesundheitssystem? Wie beeinflussen Differenzierungsmerkmale wie Sprachkenntnisse, Religion, Aufenthaltsgenehmigung und/oder Gender Identität die Erfahrungen im Gesundheitssystem von Personen?

Gesundheit ist ein Menschenrecht, und zwar unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Jeder in Österreich lebende Mensch, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, hat laut der Europäischen Menschenrechtskonvention ein Recht auf das höchste erreichbare Maß an körperlicher und seelischer Gesundheit. In der Praxis sehen wir aber, dass Menschen mit Migrationshintergrund medizinische Dienstleistungen wesentlich seltener in Anspruch nehmen als Menschen ohne Migrationshintergrund, weil sie mit zahlreichen Barrieren im Zugang zum Gesundheitssystem konfrontiert sind. Dazu zählen sprachliche Barrieren und fehlende Dolmetschleistungen, aber auch kulturelle Aspekte wie Schamgefühl und Scheu vor einem unbekannten und gleichzeitig strukturell diskriminierenden System. Versteckte Kosten, z.B. in der Dentalmedizin, sowie geographische und zeitliche Erreichbarkeit von Gesundheitsdienstleister*innen, spielen ebenfalls eine Rolle. Studien haben außerdem gezeigt, dass medizinische Behandlungen und Beratungen für Menschen mit Migrationshintergrund im Schnitt kürzer sind als für Menschen ohne Migrationsgrund, und ihre Schmerzen oft weniger ernst genommen werden. Ein ähnlicher Effekt lässt sich übrigens bei der Behandlung von Frauen im Gegensatz zu Männern beobachten. Nicht zuletzt führen auch fehlende Informationen bzw. die Tatsache, dass vorhandene Informationen nicht über die richtigen Kanäle an Betroffene herangetragen werden, zu einem Ungleichverhältnis im Zugang zu gesundheitlicher Versorgung

Menschen mit Migrationshintergrund tendieren deshalb dazu, statt zu niedergelassenen Fachärzt*innen bei gesundheitlichen Probleme direkt Krankenhausambulanzen aufzusuchen – genau das soll man in der jetzigen Situation aber vermeiden, um sich nicht der Gefahr einer Ansteckung auszusetzen. Bereits aus der Zeit vor COVID-19 wissen wir auch, dass die Gesundheitshotline 1450 nicht auf Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund ausgerichtet war und daher kaum in Anspruch genommen wurde. Telefonischer Kontakt ist für viele, vor allem ältere Migrant*innen zu hochschwellig, und Rückrufe in den jeweiligen Erstsprachen finden oft erst verzögert oder gar nicht statt. Das kann im Extremfall über Leben oder Tod entscheiden. 

Eine noch wesentlich prekärere Gruppe sind Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis, da sie im Grunde durch das vorhandene soziale Netz fallen. In Italien steht genau dieser Umstand im Verdacht, zur raschen Ausbreitung des neuartigen Coronavirus beigetragen zu haben: Zehntausende undokumentierte chinesische Näher*innen, die in den großen Modemetropolen des Landes tätig waren, haben keine Versicherung und keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung. Im Falle einer Erkrankung konnten sie sich weder kostenfrei testen noch behandeln lassen, in ihren engen Behausungen und Arbeitsstätten das Virus aber rasch weitergeben. Das zeigt deutlich, wie wichtig ein niederschwelliger Zugang zum Gesundheitssystem für die gesamte Wohnbevölkerung ist, unabhängig vom Aufenthaltsstatus.

In welchen Branchen und Berufsgruppen sind asylberechtigte Personen vor allem tätig? Wie wirkt sich die Krise auf diese Branchen und Berufsgruppen aus?

Das lässt sich pauschal kaum sagen, weil Asylberechtigte eine sehr heterogenere Gruppe sind, die sowohl Hoch- als auch Niedrigqualifizierte beinhaltet. Während Menschen, die in den letzten Jahren aus Syrien und dem Irak eingewandert sind, recht hohe Bildungsniveaus aufweisen, sind afghanische Staatsangehörige aufgrund des schwierigen Zugangs zum Schulwesen in ihrem Herkunftsland oft nur niedrig gebildet oder gar nicht in der Erstsprache alphabetisiert. Ganz grundsätzlich sieht man anhand der vorliegenden Arbeitsmarktzahlen aber, dass viele der neuen Geflüchtete, die seit 2015 zu uns gekommen sind, in den Branchen Tourismus und Gastronomie, Gebäudereinigung und -betreuung, Handel und Bauwesen tätig sind. Das sind fast durchwegs Branchen, die nun zu den systemerhaltenden Tätigkeiten gezählt werden. Asylberechtigte sind also durch die Krise einer höheren Last, aber auch einem höheren Risiko ausgesetzt. Beides schlägt sich bisher aber weder in zunehmender Anerkennung noch entsprechender Bezahlung oder besseren Arbeitsbedingungen nieder. 

Zusätzlich werden jetzt gerade viele Asylberechtigte als Erntehelfer*innen auf Österreichs Feldern angeworben, weil ausländische Arbeitskräfte aufgrund der Grenzschließungen wegfallen. Aus Studien wissen wir außerdem, dass viele geflüchtete Frauen in ihrem Herkunftsland als Näherinnen tätig waren, wenn auch oft ohne zertifizierte Ausbildung. Diese Menschen könnte man nun gut in der österreichweiten Produktion von Masken und Schutzkleidung einsetzen. Aber auch im hochqualifizierten Bereich finden Geflüchtete nun Beschäftigte, da die Registrierungspflicht für Gesundheits- und Krankenpflegepersonal sowie Sozialbetreuung vorläufig ausgesetzt wurde. Somit dürfen Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte mit einem im Ausland erworbenen Abschluss in diesen Berufsfeldern tätig werden, auch wenn ihre Nostrifikation formal noch nicht abgeschlossen ist.

Die Krise bringt als auch Beschäftigungsmöglichkeiten für Asylberechtigte, wobei es abzuwarten gilt, wie nachhaltig diese tatsächlich sein werden. Wesentlich finde ich in diesem Zusammenhang auch, zielgerichtete Informationen über Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz sowie über Rechte und Pflichte von Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen flächendeckend in den Communities weiterzugeben, idealerweise in den relevanten Erstsprachen.

Gemeinsam mit Adel-Naim Reyhani, Adib Reyhani und Gerd Valchars haben Sie die Plattform umbruch.at gegründet, um ein breit angelegtes und inklusives Gespräch über neue Gesellschaftsentwürfe zu führen. Welche gesellschaftliche Veränderungen würden Sie sich wünschen?

Mit umbruch.at möchten wir das Zeitfenster, das uns die Coronakrise bietet, nutzen, um ein breit angelegtes und inklusives Gespräch zu führen. Dazu sind alle eingeladen, die sich unabhängig von parteipolitischen Interessen mit der Frage auseinandersetzen möchten, wie wir in Zukunft arbeiten, wohnen, leben und lieben wollen. Denn die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, werden weitreichende Auswirkungen über die Krise hinaus haben und unsere Gesellschaft langfristig prägen. Dafür gibt es zahlreiche historische Beispiele, wie etwa die Gründung der Vereinten Nationen oder die Idee der europäischen Integration, die beide auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückgehen. 

Den Diskurs über diese sich nun auftuenden Ideen und Weggabelungen möchten wir fördern, weil durch die Art und den Inhalt der Debatte auch ganz konkret die Gesellschaft während und nach Corona beeinflusst sein wird. Wir haben uns dabei von Bundespräsident Alexander Van der Bellen inspirieren lassen, der in seiner Ansprache so treffend festhielt: “Die Krise wird nicht umsonst gewesen sein.”

Judith Kohlenberger ist Kulturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf Identitäts-und Repräsentationspolitik. Seit Herbst 2015 arbeitet sie zu Fluchtmigration und Integration, unter anderem im Rahmen der Studie Displaced Persons in Austria Survey (DiPAS), welche erstmalig in Europa das Humankapital und die Wertvorstellungen von Geflüchteten erfasst hat, und dem Refugee Health and Integration Survey (ReHIS) zur psychosozialen Gesundheit von syrischen, irakischen und afghanischen Geflüchteten in Österreich. Sie ist am Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital (IIASA, VID/ÖAW, WU) affiliiert und lehrt an der Universität Wien sowie der FH Wien.  Judith schreibt regelmäßig für den FALTER Think Tank und ist im Vorstand der Schumpeter Gesellschaft Wien tätig. Am Institut für Sozialpolitik leitet sie das Forschungsprojekt Women’s Integration Survey (WIN): Inclusion, Participation and Enablement of Refugee Women in Austria (2019-2021), welcahes sich den Integrationswegen geflüchteter Frauen widmet. 

https://www.wu.ac.at/sozialpolitik/team/sozialpolitik/judith-kohlenberger/

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